Astrid Krehan - The Journey &
Thomas Gust - Appearance
Ausstellung:
27. November 2026 bis 16. Januar 2027
Vernissage:
Donnerstag, 26. November 2026, 18.30 Uhr
Einführung durch Catrina Sonderegger, freie Kuratorin
Artist Talk mit Astrid Krehan:
Samstag, 5. Dezember 2026, 15 Uhr
Artist Talk und Vortrag mit Thomas Gust:
Samstag, 12. Dezember 2026, 15 Uhr
Finissage:
Samstag, 16. Januar 2027, 13 bis 17 Uhr
Öffnungszeiten:
Mittwoch bis Freitag 17 bis 19 Uhr
Samstag 13 bis 17 Uhr
oder nach Vereinbarung
Die Galerie 94 in Baden präsentiert ab dem 27. November 2026 eine Doppelausstellung mit Werken von Astrid Krehan und Thomas Gust. Unter dem Titel «The Journey» zeigt Astrid Krehan sechs Serien, die den Lauf des Lebens in seinen unterschiedlichen Phasen nachzeichnen – von Orientierungssuche und Entscheidung über Verbundenheit und Liebe bis hin zu Erfahrung, Weisheit und Glück. Thomas Gust stellt unter dem Titel «Appearance» drei Werkgruppen vor, die sich zwischen Fotografie und Malerei bewegen: zarte Polaroid-Aufnahmen auf handbeschichtetem Awagami-Papier, mit Acrylfarbe überarbeitete Ansichten aus Hongkong sowie neu interpretierte historische japanische Studiofotografien. Beide künstlerischen Positionen laden dazu ein, Fotografie nicht als starres Abbild, sondern als lebendigen Resonanzraum für Erinnerung, Erfahrung und persönliche Deutung zu erleben.
Astrid Krehan
Astrid Krehan ist eine deutsche bildende Künstlerin, die die Fotografie als Ausdrucksmittel nutzt. Mit Farbe, Struktur und Muster als Grundlage ihrer künstlerischen Sprache schafft sie visuelle Kompositionen, die den Betrachter dazu anregen, über den ersten Eindruck hinauszuschauen und die gemeinsamen Fäden zu entdecken, die uns verbinden. Ihre Faszination für Farbe begann während ihrer Waldorfausbildung, wo sie mit Goethes «Farbenlehre» in Berührung kam. Durch den Kunst- und Physikunterricht entwickelte sie ein bleibendes Interesse an Farben, Komplementärfarben und der Art und Weise, wie Farben die Wahrnehmung und Emotionen beeinflussen. Später, während ihrer Karriere als Wissenschaftlerin, sah sie regelmässig Elektronenmikroskopaufnahmen, die verborgenen Strukturen und komplexen Muster offenbarten und ihre Sicht auf die Welt nachhaltig prägten. In Shanghai, wohin Astrid 2014 zog, verschmolzen ihre Faszination für Farbe, Struktur und Muster, was es ihr ermöglichte, die Welt, wie sie sie wahrnahm, in bildende Kunst zu übersetzen. Während der Corona-Pandemie wurde ihr kreativer Prozess mit der Kamera zu einem therapeutischen Medium, das es ihr ermöglichte, sich vorübergehend von der Aussenwelt abzukoppeln. Zudem verlagerte sich ihr Fokus auf das Umweltbewusstsein, da dieses fast vollständig aus dem Blickfeld der Welt verschwunden war. Die Rückkehr nach Europa im Jahr 2021 erweiterte ihre Perspektive erneut. Ausgehend von Erfahrungen aus Ost und West zielen ihre Arbeiten darauf ab, kulturelles Verständnis zu fördern, indem sie die Verbindungen aufzeigen, die hinter den offensichtlichen Unterschieden bestehen.
Artist Statement Astrid Krehan
Ich setze mich damit auseinander, wie wir die Welt wahrnehmen und welche Verbindungen hinter den offensichtlichen Unterschieden bestehen. Ich bin davon überzeugt, dass sich Ost und West durch gemeinsame Emotionen und Interessen begegnen, die uns alle verbinden. Mit meinen Werken möchte ich Verständnis fördern und Menschen über kulturelle Grenzen hinweg miteinander verbinden.
The Journey
Das Leben entfaltet sich in vielen Momenten auf unserem Weg, von denen jeder neue Möglichkeiten mit sich bringt. «The Journey» vereint sechs Serien, die verschiedene Phasen widerspiegeln, denen wir im Leben begegnen. Manchmal verändert sich unsere Wahrnehmung und die Realität erscheint uns fremd. Manchmal befinden wir uns in einem Labyrinth und suchen nach Orientierung, bis wir an einen Scheideweg gelangen, an dem eine Entscheidung getroffen werden muss. Auf diesem Weg erleben wir Verbundenheit, Freundschaft und Liebe, die unserem Weg jeweils mehr Tiefe verleihen. Mit jedem Schritt sammeln wir Erfahrungen. Durch diese Erfahrungen gewinnen wir Weisheit, und mit dieser Weisheit beginnen wir, die Freude und das Glück zu erkennen, die das Leben bereithält.
Serie WISDOM 2025
Die Fähigkeit, in der Dunkelheit zu sehen, verleiht der Eule kulturübergreifend eine starke symbolische Bedeutung. In der westlichen Welt steht die Eule für Weisheit, Wissen und klare Wahrnehmung. In vielen östlichen Traditionen symbolisiert sie Schutz, intuitive Führung und Verwandlung. Die Interpretationen mögen sich unterscheiden, doch ein gemeinsamer Kern bleibt bestehen: eine gesteigerte Wahrnehmung jenseits des Sichtbaren. Die Eule steht für tiefes Bewusstsein. Sie fordert dazu auf, der Intuition zu vertrauen und aufmerksam auf das zu achten, was unter der Oberfläche liegt. «WISDOM» entstand aus den Eisskulpturen des Vail Ice Festival in Colorado im Jahr 2025 und bezieht seine Farbeffekte aus den beleuchteten Skulpturen, die durch spezielle Kameratechniken und Mehrfachbelichtungen direkt in der Kamera verstärkt werden.
Serie SHADES OF LOVE 2025
Liebe hat nicht nur eine einzige Farbe und ist auch nicht auf eine einzige Form beschränkt. Sie wandelt sich, entwickelt sich weiter und offenbart sich durch die Beziehungen, die uns prägen. Ob leidenschaftlich oder sanft, still oder beständig – manche Bindungen vertiefen sich, andere wandeln sich, doch ihr Wesen bleibt bestehen. Es gibt keine einheitliche Definition von Liebe. Sie lebt in der Freundschaft, in der Familie, in der Intimität und in jenen seltenen Verbindungen, die sich verändern und dabei dennoch ihre Tiefe bewahren. Jede Nuance ist einzigartig, doch alle sind Teil derselben menschlichen Erfahrung. Liebe in ihren vielen Formen ist das, was uns begleitet und bleibt. «SHADES OF LOVE» ist eine im Atelier entstandene Arbeit, bei der farbiges Papier bewusst in einer bestimmten Anordnung drapiert wurde. Durch Mehrfachbelichtung in der Kamera und raffinierte fotografische Techniken entstehen vielschichtige Muster und chromatische Nuancen, die die Bildsprache der Serie prägen.
Serie LABYRINTH 2024
Das Leben ist ein Labyrinth, ein Weg, der sich mit unerwarteten Wendungen entfaltet und uns dennoch stets vorwärtsführt. Jeder Schritt hat eine Bedeutung, auch wenn sein Zweck nicht sofort ersichtlich ist. Es ist eine kurvenreiche Reise, die uns dazu einlädt, innezuhalten, nachzudenken und das anzunehmen, was sich uns unterwegs offenbart. Die Serie spiegelt eine persönliche Reise voller unerwarteter Wendungen wider, deren Ziel noch ungewiss ist. „LABYRINTH“ entstand im Grand Hyatt Shanghai und basiert auf einer Kombination aus Mehrfachbelichtung in der Kamera und raffinierten fotografischen Techniken, die ein unverwechselbares Wechselspiel aus Mustern und Farben erzeugen, das die Bildsprache der Serie prägt.
Serie THE VERGE 2025
Das Leben bringt uns oft an einen Punkt, an dem sich alles verändert. Diese Serie spiegelt solche Momente wider – wenn sich ein Weg wendet oder plötzlich mit einem anderen verbindet.
Die Punkte werden zu Bewegungsspuren, wie Wegweiser, die einen drastischen Wandel markieren. Sie sind keine Enden, sondern Anfänge. Am Abgrund zu stehen bedeutet, in etwas Neues einzutreten – ungewiss und doch voller Möglichkeiten. Entstanden bei der Fosun Foundation in Shanghai, entsteht „THE VERGE“ durch subtile Kamerabewegungen und Mehrfachbelichtungen direkt in der Kamera. Geschwungene Wege tauchen auf und prägen die Bildsprache der Serie.
Serie DISTORTED REALITY 2023
Alles, was wir hören, ist eine Meinung, keine Tatsache. Alles, was wir sehen, ist eine Perspektive, nicht die Wahrheit. Marcus Aurelius
Das Werk, das aus der wellenförmigen Spiegeloberfläche des «Temple of Lights» in Shanghai entstanden ist, spielt mit verzerrten Spiegelbildern von Passanten. Mehrfachbelichtungen im Kamerasystem und kontrollierte Überbelichtungen verstärken den Spiegeleffekt und erzeugen Linien und Muster, die den Blick auf die reflektierende Oberfläche lenken.
Serie JOY 2021
Helle und lebendige Farben gelten oft als Symbole für Freude und Glück und werden mit positiven Emotionen und Energie in Verbindung gebracht. Freude ist einer der wichtigsten Aspekte des Lebens. Sie lässt sich sowohl in kleinen als auch in großen Dingen finden; Freude kann das sein, was das Leben lebenswert macht. Wenn wir uns auf die Freude konzentrieren, können wir die unnötigen Komplikationen und Stressfaktoren in unserem Leben loslassen. Wir können die Schönheit der Welt um uns herum erkennen und die kleinen Dinge schätzen, die das Leben so besonders machen. Um Freude im Leben zu finden, müssen wir uns auf den gegenwärtigen Moment konzentrieren. Oftmals verlieren wir uns in Sorgen um die Vergangenheit oder die Zukunft, doch wenn wir es schaffen, ganz im Hier und Jetzt zu sein, können wir die Freude, die das Leben zu bieten hat, wirklich erleben. Die in Danian, Guangxi, China, entstandene Serie „JOY“ ist von den farbenfrohen Stoffen der Miao inspiriert. Bewusste Kamerabewegungen über die Stoffe prägen die Bildsprache der Serie.
Thomas Gust
Die Galerie 94 präsentiert die Ausstellung «Appearance» mit Arbeiten von Thomas Gust. Erstmals in Baden werden die drei Werkgruppen «Appearance», «Hong Kong Romance» und «Costumes» gemeinsam präsentiert – drei fotografische Serien, die auf unterschiedliche Weise nach dem Verhältnis von Erinnerung, Materialität und fotografischer Wirklichkeit fragen.
Alle drei Serien verbindet das Interesse an der Oberfläche des Bildes, zugleich verfolgen sie unterschiedliche Wege. Während «Appearance» das fotografische Bild durch Licht, Reduktion und Material in einen Schwebezustand zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion überführt, erweitern «Hong Kong Romance» und «Costumes »die Fotografie durch malerische Eingriffe zu neuen, hybriden Bildformen. Das Bild wird dabei zum Träger persönlicher und historischer Erinnerungsspuren, von Sehnsucht, Verlust und Veränderung.
Appearance
In der Serie «Appearance» werden Landschaften, Bäume, Wasserflächen und Lichtstimmungen zu Trägern innerer Bilder. Die mit einer Polaroidkamera entstandenen Fotografien sind eng mit biografischen Erinnerungen des Künstlers und den Geschichten verbunden, die sich im Laufe der Zeit um diese Erinnerungen legen.
Die Orte erscheinen nicht als eindeutige Dokumente, sondern als bewegliche Erinnerungsbilder, in denen sich Nähe und Entfernung, Befreiung, Verlust und Sehnsucht überlagern. Gedruckt auf japanisches Awagami-Papier und von Hand mit Albumin beschichtet, erhalten die Arbeiten eine fragile, zwischen Fotografie und Malerei oszillierende Oberfläche.
Hong Kong Romance
«Hong Kong Romance» entstand während eines längeren Aufenthalts des Künstlers in Hongkong. Fotografische Ansichten von Architektur, Landschaft und urbanen Räumen werden mit Acrylfarbe überarbeitet und in neue topografische Bildräume verwandelt.
Bäume, Blüten und vegetative Formen greifen in die fotografische Ordnung ein. Darin klingt auch die Romantik des 19. Jahrhunderts an, in der Landschaft und Flora nicht nur als sichtbare Natur, sondern als Ausdruck innerer Empfindung verstanden wurden. Die Arbeiten werden so zu zeitgenössischen Tafelbildern eigener Art, in denen Fotografie, Malerei, Erinnerung und subjektive Wahrnehmung ineinandergreifen.
Die Serie ist eine Liebeserklärung an Hongkong und zugleich der Versuch, eine Stadt zu erfassen, die sich jeder abschließenden Beschreibung entzieht. Die Arbeiten wurden bereits in Hongkong gemeinsam mit Werken von Fan Ho und Greg Girard gezeigt.
COSTUMES
Ausgangspunkt der Serie «Costumes» sind japanische Studiofotografien des späten 19. Jahrhunderts. Die inszenierten Porträts von Geishas wurden ursprünglich als sogenannte Costumes in grossen Auflagen für Reisende produziert und prägten wesentlich das westliche Bild Japans.
Thomas Gust überarbeitet diese historischen Fotografien mit Acrylfarbe. Die malerischen Eingriffe lösen die Porträts aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang und übertragen sie in eine zeitgenössische Bildsprache zwischen Geschichte, Abstraktion und kultureller Projektion. Die Serie wurde bereits auf der Photo Basel und der Kunst-RAI Amsterdam gezeigt.
Gemeinsam entfalten die drei Werkgruppen ein Spannungsfeld zwischen der Flüchtigkeit des Polaroids, der Transformation topografischer Bildräume und der malerischen Neudeutung historischer Fotografien. Fotografie erscheint dabei nicht als unveränderliches Dokument, sondern als lebendiger Speicher, in dem persönliche Erfahrung, Geschichte, Material und Kunst immer wieder neu zueinanderfinden.
The Joy III, 2021 © Astrid Krehan
Appearance #3, Windswept Pine Tree, Kyoto, Japan, 2025 © Thomas Gust