PATRIK FUCHS (CH)

Nistkästen, Schneezeichen und Wetterseiten

17. Januar bis 28. Februar 2016

Wetterseite (2009 -)

Sie stehen am Strassenrand oder alleine auf Feldern. Scheunen gehören zum visuellen Alltag in der Schweiz. Als Zweckbauten zur Lagerung der Ernte oder von landwirtschaftlichen Gerätschaften verweisen sie auf eine ursprüngliche Wirtschaft, die den Boden nicht als Bau-, sondern als Fruchtfläche verstanden hat.

 

Die ungebremste Urbanisierung der Schweiz hat den Scheunen daher die zwiespältige Würde der aufrechten Verlierer verliehen. Sie sind als Ökonomiegebäude ohnehin meist Bauten von niederem Rang, und dennoch haben sie mit ihren einfachen und typischen Formen Landschaft und damit Selbstbild der Schweiz geprägt.

 

Patrik Fuchs porträtiert die Scheunen im Winter in diffusem und kaltem Licht, als archaische Erscheinungen stummer Dienstbarkeit. An einem dieser nebligen Tage, an denen die Welt akustisch und optisch so ruhig wird. Sich auflöst. Eine Weite entsteht, die untypisch ist für dieses Land.

 

Die Bilder zeigen die Scheunen als Solitäre, gezeichnet, verschlossen und stolz, zugleich aber wirken sie einsam und von geradezu beschämender Zerbrechlichkeit. Fabian Scherrer, Berlin

 

Nistkasten (2008 - 2011)

Verwundert durch die liebevolle Machart und zugleich fasziniert von ihrer vermenschlichten Formgebung sind mir die Behausungen - als sichtbar gemachte Verstecke - immer wieder aufgefallen. Es haftet ihnen etwas Heimeliges und Gemütliches, aber auch Geheimnisvolles an.

 

Inszeniert aus der Dunkelheit heraus: sachlich und kühl, wie im Mondschein, um den Blick für die architektonische Vielfalt und die Spuren der Verwitterung, die das einzelne Objekt zum Unikat werden lässt, zu schärfen. Zudem weisen die Fotografien auf den Innenraum, dessen Eingang allerdings genauso düster ist, wie die Ungewissheit der nachtschwarzen Umgebung.

 

So erzählt jedes eine eigene Geschichte vom Zusammenwirken von Mensch und Tier und von der Sehnsucht nach Sicherheit und Geborgenheit. Fabian Scherrer, Berlin

 

Schneezeichen (2013)

Auf den Passhöhen türmte sich der Schnee teilweise meterhoch. Wie Zuckerglasur schoben sich die obersten Schichten über die ausgefrästen Wände, die die Strassen beidseits umschlossen. Eingebacken in das weisse Schichtwerk blitzten hier und dort farbig markierte Schneestangen hervor. Sie weisen dem schwerem Gerät, das die Strassen mit dem ersten Schneefall Schicht um Schicht freilegen muss, die Richtung. Doch ins Auge fielen mir die farbig markierten Stangen auf den aperen Strassen. Sie steckten in regelmässigem Rhythmus am Strassenrand, im braunen Gras, an Strassenmauern und Brückengeländern. Die einen oder anderen standen etwas schräg in der Landschaft. Kein Schnee hielt sie.

 

Ihrer Funktion beraubt, gewinnen sie etwas Unerwartetes: interesselose Schönheit. Die Rundhölzer sind grob zugehauen, unten oft zugespitzt, manchmal auch aus Kunststoff oder Metall gefertigt. Sie sind rund zwei Meter hoch, markiert in Rot, Gelb, Leuchtorange, Weiss, Schwarz, Blau. Monochrom gefasst oder mehrfarbig, in schmale oder in breite Streifen aufgeteilt. Das Schneestangen-Wesen ist in der Schweiz nicht reguliert. Weder was den Einsatz, noch was die Farbgebung oder die Materialisierung betrifft. Jede Gemeinde folgt ihren eigenen Regeln. Hauptsache, die Stangen markieren den Verlauf der Strasse, der Loipe, der Wanderwege.

 

Im Atelier interessiert weder ihre Herkunft noch ihre Funktion. Hier verwandeln sich die Stangen in den Ausgangspunkt einer künstlerischen Recherche. Was bedeuten sie? Wie lassen sie sich darstellen, kombinieren, ordnen? Stimmt der Vergleich mit den Zürcher Konkreten? Patrik Fuchs entschied sich für die, wie er sagt, visuell einfachste Darstellung: Er fotografierte alle Exemplare einzeln, als schwebte es vor grauem Hintergrund. Er tilgt jede Spur des einstigen Gebrauchszusammenhangs und zwingt uns dadurch, die Stangen genau zu betrachten. Wie Totempfähle einer

Wetterseite II, 2009 © Patrik Fuchs

Nistkasten, 2008 - 2011 © Patrik Fuchs

Schneezeichen, 2013 © Patrik Fuchs

versunkenen Kultur treten sie uns im Bild entgegen. Jede gleich rätselhaft. Vollständigkeit ist unmöglich, der Versuch einer Systematisierung muss scheitern. Keine Ordnung, kein mathematisches Gesetz, das ihre Erscheinung erklären könnte. Doch so konkret wie im fotografischen Bild haben wir sie im Stakkato, mit dem sie im Winter an unserem Autofenster vorbeiflitzten, noch nie erfahren.

 

Fuchs befreit das Detail, das Sinnliche, die einzigartige Gestalt. Aus Form, Textur und Farbe entstehen konkrete Figuren und Zeichnungen, die unsere künstlerischen Urinstinkte aktivieren. Das undefinierte Weiss, in welchem die Wächter des Weges erscheinen, könnte ein Schneeweiss sein und bewahrt so das vertraute Farbmilieu des Motivs. Doch es ist auch ein Gedankenraum, in dem die visuelle Erinnerung nach Ähnlichkeiten und Verwandtschaften schürft. Diese Ebene der oszillierenden Assoziationen erweist sich dabei als so weit, wie der menschliche Drang nach Form und Gestaltung alt ist. Wir verfügen heute über satellitengestützte Routenplaner, die seit geraumer Zeit sogar zu uns sprechen; und auch die „Leitsysteme“ sind intelligent geworden.

Fuchs‘ Schneezeichen jedoch sind Urtypen der visuellen Kommunikation, deren archaische Bildsprache wir noch immer verstehen und benutzen. Dr. phil. Meret Ernst, Kunsthistorikerin