GOTTHARD SCHUH (CH, 1897-1969)

L'ultima Venezia

23. Oktober bis 4. Dezember 2016

Die Fotografien von Gotthard Schuh

Im Fluss der Bilder wird ein aufmerksamer Betrachter sofort die Bewegung, Stimmen und Geräusche von einer pulsierenden Welt, das Licht der Campi, in den Reflexionen der Kanäle, die Schatten in den langen Gassen, auf den gegenüberliegenden Privathäusern, Geschäfte, Büros, Werkstätten und Osterien, wahrnehmen. Diese Bilder des grossen Schweizer Fotografen sind in der Lage, durch ihr überraschendes Verständnis des Ortes, ein Gefühl für die Vermittlung des unaufhörlichen Begegnens und der Anerkennung. Die Bilder entstanden überall zu Fuss oder fast ausschliesslich mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Calli, Geschäfte, Campi und Kanäle bilden somit ein Ganzes, in dem man immer ein Gefühl der Zugehörigkeit hat. Schuh’s Bilder bestätigen, dass die Stadt Sinnbild für eine Art des Lebens und einer Beziehung ist, das in vieler Hinsicht als einzigartig betrachtet werden kann, und nebst dem unmittelbar verbundenen städtischen, auch die historischen und kulturellen Besonderheiten von Venedig aufzeigt.

 

Das letzte Venedig?

Es gibt viele "letzte Venedige": prekär auf Wasser gebaut, die Stadt scheint in regelmässigen Abständen bestimmt zu verschwinden. Aber Venedig hat Dutzende Male gezeigt, dass es in der Lage ist, die überlebenden verderblichsten Tragödien und die Verwandlung zu überleben. Unser Versprechen ist, dass in der Mitte der grossen Veränderungen, die unser Zeitalter charakterisieren, Venedig sich erweist, wiederum in der Lage ist, sich zu verändern, ohne jedoch seine aussergewöhnlichen Magie zu verlieren, die sie so stark gemacht hat, geliebt und gefeiert im Laufe der Jahrhunderte. Unsere Hoffnung ist, dass Schuh’s Fotos uns es ermöglichen, wieder etwas von dieser Magie zu entdecken, so dass wir sicherstellen, es nicht ganz zu verlieren.

 

Werdegang

Gotthard Schuh kam am 22.12.1897 in Berlin als Sohn von Schweizer Eltern zur Welt. Die Familie lebte ab 1900 zunächst in Basel und ab 1902 in Aarau, wo Gotthard Schuh seine Jugend verbrachte. An der Kantonsschule begann er um 1914 zu malen. 1916 besuchte er die Gewerbeschule in Basel. Von 1917 bis 1918 absolvierte er die Rekruten-, Unteroffiziers- und Offiziersschule und leistete Aktivdienst. 1919 richtete Gotthard Schuh ein eigenes Atelier in Basel ein. Vom Herbst 1919 bis in den Frühling 1920 war er in Genf tätig. Nach einer Italienreise liess er sich im selben Jahr als Kunstmaler in München nieder, wo er 1922 zum ersten Mal seine Bilder ausstellte. 1926 kehrte er in die Schweiz zurück, wo er für kurze Zeit die Berner Filiale des St. Galler Fotohauses Hausammann leitete. 1927 heiratete er Marga Zürcher und das Paar liess sich in Zürich nieder. In diesen Jahren, in denen Gotthard Schuh wiederholt mit Schaffenskrisen als Maler zu kämpfen hatte, begann er sich mit Fotografie zu beschäftigen. 1929 bereiste er erneut Italien und wandte sich verstärkt der Fotografie zu. Nebst seinen Gemälden und Radierungen stellte er nun auch Fotografien aus. 1931 publizierte er zum ersten Mal Bildberichte in der «Zürcher Illustrierten», für die er von da an regelmässig als Fotoreporter arbeitete. 1932 zeigte Gotthard Schuh zum letzten Mal in einer Ausstellung seine gemalten Werke. Er hielt sich in diesem Jahr in Paris auf, wo er Kontakte zur künstlerischen Avantgarde pflegte und unter anderem Picasso, Braque und Léger auch für die «ZI» fotografierte. 1933 zogen Gotthard und Marga Schuh in ein Atelierhaus in Zollikon, welches sie von Elsa Burckhardt-Blum hatten bauen lassen. 1934 kam der gemeinsame Sohn Kaspar zur Welt. Als Reporter publizierte Gotthard Schuh in den 1930er Jahren zahlreiche Bildberichte in der «ZI» sowie im «Föhn» und in ausländischen Zeitschriften, wie «Vu» oder der «Berliner Illustrierten Zeitung». Ebenfalls in den 1930er Jahren zeigten sich bei Gotthard Schuh erste Anzeichen von multipler Sklerose.

1938/39 unternahm Gotthard Schuh eine elfmonatige Reise nach Singapur, Java, Sumatra und Bali. Nach der Rückkehr 1939 trennten sich Gotthard und Marga Schuh. Im gleichen Jahr übernahm Gotthard Schuh die Bildgestaltung für das Erinnerungsbuch der Landesausstellung in Zürich.

Angeregt durch Heiri Steiner, verarbeitete Gotthard Schuh seine Reiseeindrücke im Bildband «Inseln der Götter», erschienen 1941. Seine zukünftige Frau Annamarie Custer unterstützte ihn dabei. Im gleichen Jahr wurde Gotthard Schuh erster Bildredaktor der «Neuen Zürcher Zeitung». Zusammen mit Edwin Arnet gründete er dort die Beilage «Das Wochenende», in der zahlreiche Bildberichte erscheinen sollten.

 

 

© Gotthard Schuh / Fotostiftung Schweiz

© Gotthard Schuh / Fotostiftung Schweiz

© Gotthard Schuh / Fotostiftung Schweiz

Zudem arbeitete er regelmässig für die Zeitschrift «Du». 1944 heiratete Gotthard Schuh Annamarie Custer. 1945 kam die Tochter Claudia und 1947 die Tochter Sibilla zur Welt.

Nach Kriegsende unternahm Gotthard Schuh zahlreiche Reportagereisen in Europa, nach Frankreich, Italien, Sizilien und Deutschland sowie nach Nordafrika. 1950 gründete er gemeinsam mit Werner Bischof, Paul Senn, Jakob Tuggener und Walter Läubli das «Kollegium Schweizerischer

Photographen». 1951 stellte die Gruppe erstmals im Helmhaus in Zürich aus. In den 1950er Jahren folgten Reisen nach Sizilien, Ägypten und Algerien. Gotthard Schuh publizierte zudem zahlreiche Bücher. Nicht zuletzt wegen seiner Krankheit zog er sich mehr und mehr von der Reportertätigkeit zurück. 1960 trat er aus der Redaktion der «NZZ» aus. Anfang der 1960er Jahre begann Gotthard Schuh erneut zu malen. Zudem arbeitete er an seinem Archiv sowie an der Aufzeichnung seiner Erinnerungen. Nach einem Oberschenkelbruch Mitte Juni 1969 verschlechterte sich sein Zustand und er starb am 29. Dezember 1969.

 

Einzelausstellungen

1967 Zürich, Helmhaus, Frühe Photographien

1968 New York, IBM Gallery

1982 Lausanne, Musée de l'Elysée, Photographies

1982 Zürich, Schweizerische Stiftung für die Photographie, Kunsthaus Zürich,

     Photographien aus den Jahren 1929-1963

1991 Basel, Museum für Völkerkunde, Bali, Aufnahmen von 1938

1991 Küsnacht, Gemeindehaus, Bali, Aufnahmen aus dem Jahre 1938

1999 Arles, Rencontres intern. de la photographie, Parlez-moi  d'amour, Rétrospective

2000 Paris, Galerie Vu

2004 Gentilly, Maison Doisneau, Gotthard Schuh. Instants volés, instants donnés.

2006 Lugano, Museo delle Culture, L'isola degli dèi, Fotografie, Bali 1939

2008 Milano, Galleria Bel Vedere, In viaggio con Gotthard Schuh

2009 Winterthur, Fotostiftung Schweiz, Eine Art Verliebtheit

2010 Bellinzona, Citta di Bellinzona, Museo Villa dei Cedri, La tenerezza dello

     sguardo

2010 Châlon-sur-Saône, Musée Nicéphore Niépce, Une approche amoureuse

2011 Madrid, Fundación Mapfre

2012 Zürich, ArteF Galerie für Kunstfotografie, Die Reise

2013 Venedig, Instituto Veneto di Scienze, L’ultima Venezia

2013 Chiasso, Spazio Officina, L’ultima Venezia

2016 Baden, Galerie 94, L’ultima Venezia (50 Vintage-Prints)

 

Gruppenausstellungen

1931 Basel, Gewerbemuseum, Die Neue Fotografie, Int. Wanderausstellung des Deutschen

     Werkbunds und des «Münchner Bund».

1933 Basel, Gewerbemuseum, Die neue Fotografie in der Schweiz (Wanderausstellung des

     Schweizerischen Werkbundes)

1949 Basel, Gewerbemuseum, Photographie in der Schweiz – Heute

1951 Zürich, Helmhaus, Kollegium Schweizerischer Photographen

1954 New York, Limelight Gallery, Great Photographs

1955 New York u. a., The Family of Man, Wanderausstellung.

1955 Zürich, Helmhaus, Photographie als Ausdruck. Kollegium  Schweizerischer

     Photographen

1957 Venedig, Biennale di Fotografia

1974 Zürich, Schweizerische Stiftung für die Photographie, Kunsthaus Zürich,

     Photographie in der Schweiz von 1840 bis heute

1976 New York, Marlborough Gallery

1978 Brüssel, Passage 44, Images des hommes

1986 Basel, Gewerbemuseum, Ein Zeitbild 1930-1950, Paul Senn, Hans Staub, Gotthard

     Schuh - Drei Schweizer Photoreporter

1986 Lausanne, Musée de l'Elysée, Les photographes au musée, L'art et le regard

1986 Lausanne, Musée de l'Elysée, Les années difficiles, 1919-1939

1987 Herzogenbuchsee, Kornhaus, Schweizer Alltag 1930 – 1955

1989 Lausanne, Musée de l'Elysée, Visions du sport

1993 Langenthal, Kunsthaus, Harte Zeiten, Schweizer Meisterphotographien der

     dreissiger und vierziger Jahre (Adaption von La Suisse avant le miracle)

1994 Lausanne, Musée de l'Elysée, La collection Select, Trente ans de photographie

2001 Zürich, Schweizerische Stiftung für die Photographie, Durchs Bild zur Welt

     gekommen, Hugo Loetscher und die Fotografie

2007 Winterthur, Fotostiftung Schweiz, Bilderstreit. Durchbruch der Moderne um 1930

2009 Zürich, Landesmuseum, Aufbruch in die Gegenwart, Die Schweiz in Fotografien

     1840-1960

2013 Kriens, Museum im Bellpark, Heim und Leben. Aus dem Fotoarchiv einer

     illustrierten Publikumszeitschrift

2013 Winterthur, Fotostiftung Schweiz, Pavillon Populaire de la Ville de Montpellier,

     Adieu la Suisse! Bilder zur Lage der Nation

2013 Zürich, ArteF Galerie für Kunstfotografie, Schweizer Fotografen, Heimat und

     Ausland

2013 Zürich, ArteF Galerie für Kunstfotografie, A Selection of Vintage and

     Contemporary Photographs

2014 Paris, Paris Photo

2014 Zürich, Kunst Zürich 14

 

Bücher zur Ausstellung

L’ultima Venezia, Fotografie 1963, ISBN 978-88-09-78474-1

Tage in Venedig, 1965, vergriffen

Eine Art Verliebtheit, Fotostiftung Schweiz, ISBN 978-3-86521-886-5

 

Film

Villi Hermann, «Gotthard Schuh – Eine sinnliche Sicht der Welt»

 

 

Quellennachweis:

- foto-ch.ch, Marc Herren

- L’ultima Venezia, Gotthard Schuh, Fotografie 1963,

von Gian Antonio Danieli, Presidente dell’Istituto Veneto di Sciuenze, Letter ed Artio