Erich Dal Canton (CH)

ORTE DER ZEIT

18. August bis 30. September 2017

Cathédrale Notre Dame, Study 1, Strasbourg, France, 2012 © EDC

Erich Dal Canton (*1954 in Dietikon) lebt und arbeitet in Wettingen und beschäftigt sich in seinem fotografischen Werk forschend u.a. mit Zeit und Zeitlichkeit. Seine Arbeiten laden ein zu einer Meditation über das Verstreichen und Festhalten von Zeit, über Vergänglichkeit und Ewigkeit.

 

Orte

 

„Ich bin stets auf der Suche nach Orten, die dem Auge Ruhe und Harmonie geben, auf der Suche nach Orten, an denen die Zeit stehengeblieben scheint. Diese Orte scheinen wie aus der Zeit gefallen, oder auch dem Zerfall begriffen. Zeit, Ruhe und Musse sind denn auch der notwendige Stoff in meinem ganzen Bildschaffungsprozess.“ Erich Dal Canton reist mit grosser Leidenschaft und Hingabe in solche „Zeitzonen” und fängt Eindrücke und Begegnungen fotografisch ein. „Das richtige Licht zu finden ist für mich eine Obsession. Photographie wird mit Licht gemacht, es geht mir nicht darum, Motive originalgetreu abzulichten, als vielmehr ihre Darstellung in Metaphern zu verwandeln.“

 

Das Repertoire der gezeigten Werke erstreckt sich von geheimnisvollen Naturlandschaften, wie uralten Wäldern oder beeindruckenden und skurrilen Felslandformationen, über Klosterruinen, baufällige Kirchenschiffe, zerfallene Industriegebäude oder Sanatorien, bis hin zu mystischen und magischen Meerlandschaften, Seen und Flüssen, Gärten und Parks, Bunkern und Friedhöfen. Alle diese Erscheinungsformen fügen sich im fotografischen Werk zu einem ganzheitlichen Gebilde zusammen. Das Herzstück der künstlerischen Arbeit Erich Dal Cantons sind zweifelsohne die sogenannten „Waterscapes". Wasserlandschaften sind für ihn Urlandschaften. Denn alles Leben kommt aus dem Wasser. Wasser in seinen unterschiedlichsten Erscheinungsformen dient Dal Canton als Inspirationsquelle für den Schöpfungsprozess seiner Werke.

 

Zeit

 

Erich Dal Cantons Werke sind zumeist keine im üblichen Sinne verstandenen Momentaufnahmen, sondern umfassen eine Vielzahl von Momenten, die zeitgleich in die Aufnahme gefunden haben. So laden seine Arbeiten zu einer Meditation über das Verstreichen und Festhalten von Zeit ein.

 

In unserer Wahrnehmung lassen sich Momente nicht kumulieren, der Silberhalogenidfilm ist jedoch in der Lage, die Zeit wie einen Film auf ein einziges Stück Negativ abzubilden.

 

Dal Cantons aufwendig eingesetzte fotografische Technik, reines analoges Handwerk, beschwört eine vergangene Zeit herauf. Die in der Regel mehrfach getonten Silbergelatineabzüge und die sogenannten Lithprints, vom Künstler als „Ästhetik des Handicaps“ bezeichnet, sind das Resultat seiner intensiven Forschungsarbeit. Die Lihtprints entstehen zum Teil auf alten Barytpapieren, die durchaus 30 bis 40 Jahre in der Packung auf Licht warten. In den konventionellen fotografischen Entwicklungsprozessen können sie nicht mehr eingesetzt werden. Diese Bromsilberpapiere haben demnach einen langen Reifungsprozess hinter sich und sind nur mit Lithtechnik zum Leben zu erwecken. Es sind „Papiere der Zeit“.

 

Labor für „visuelle Forschung“

 

Die mittel- bis grossformatigen Negative, das grösste Format misst 20x25cm, zieht der Künstler traditionell und unter grossem zeitlichen Aufwand auf Silbergelatinepapier in seinem Labor für „visuelle Forschung“ in Wettingen ab. Diese Planfilme, wie auch die 6x17cm-Panorama-Rollfimnegative, verarbeitet er nahezu ausschliesslich in Pyroentwicklern und erreicht damit eine aussergewöhnliche Tonalität und Lumineszenz.

 

So sehr Erich Dal Canton das „perfekte“ Bild am Herzen liegt, so sehr ist er davon überzeugt, dass die Inspiration des Photographen gegenüber der Technik eine höhere Wertigkeit besitzt. „Meine Bildfindungen kommen nicht aus dem Kopf, oder sind konzeptionell geprägt, sondern kommen aus meinem Herzen.“ Ein vollendeter, feiner Abzug mit sinnlich-melancholischer Bildausstrahlung widerspiegelt die innere Ausdruckskraft. „Ich wünsche mir, dass meine Werke mit Phantasie und Empfindung betrachtet werden und versucht wird, sie nicht nur anzusehen, sondern auch in sie hineinzusehen.“ Bei der Betrachtung der Bilder von Erich Dal Canton werden wir in eine andere Welt entführt, „in die Landschaft hinter der Landschaft“.

 

17.04.2017 Erich Dal Canton / Geraldine Wullschleger