BERND UHDE (D)

White

13. März bis 1. Mai 2016

Ein impressionistisches Flirren dunkler Tupfen vor heller Weite. Muster verstreuter Zeichen und fedriger Geflechte auf weissem Grund. Horizontale und vertikale Bänder, die sich im weissen Feld zu einer konstruktiven Komposition fügen. Ein weiss gefasster Rahmen, in dem sich eine weitere weisse Fläche wie eine leere Leinwand ausdehnt.

Bei genauerem Hinsehen füllen sich die Abstraktionen mit gegenständlichen Inhalten: Vögel haben auf verschneitem Acker feinste Abdrücke hinterlassen, verdichten sich zum umherwirbelnden Pattern in weisser Sphäre. Braun und Grün bilden Streifen auf schneebedeckter Weide. Winterbäume bringen verzweigte Ornamente hervor. Und ein mit Schnee gefülltes Schwimmbecken wird zum monochromen Gemälde – zu einem „Rahmen ohne Bild“. Bernd Uhde, der in Berlin Kunst und Film studierte und heute auf einem Hof in der Nähe von Lüneburg lebt, arbeitet an der Schnittstelle zwischen Malerei und Fotografie. Seine Leinwand ist die vom Menschen gestaltete Landschaft, ob ausserhalb oder innerhalb der Städte.

Die kompositorischen Elemente, die in seinen Bildern zum Tragen kommen, sind die Spuren, die der Mensch in Landstrichen und urbanen Räumen hinterlässt: Wege, Ackerfurchen, eingezäunte Felder und Anbaugebiete, Beete, Kanäle, aber auch Hafen- und Fabrikanlagen, Abraumhalden, Containerterminals, Schutthaufen, Dächer, Rohre, Parkplätze, Bahnschienen. „Vor achttausend Jahren hat der Mensch angefangen, die Welt zu gestalten“, so der Künstler, „Die menschliche Kultur schafft sich seitdem immer wieder neue Strukturen.“ Diese setzt er seit 2000 in seiner fortlaufenden Reihe Air Real Art von der erhöhten Perspektive eines Helikopters aus ins Bild. Die vom Menschen kultivierten Landschaften und städtischen Terrains, die er senkrecht von oben herab in einer Höhe zwischen hundert und tausend Metern schwebend mit der Kamera einfängt, sind „Readymades“, visuelle Fundstücke, deren ästhetisches Potenzial durch die entrückte Fernsicht erst freigesetzt wird und sich zu erkennen gibt. Uhde ist wie ein Forschender auf Entdeckungsreise, zugleich aber einer, der mit dem Blick eines Malers auf die weit unten liegende Welt schaut. Dabei erkundet er prinzipiell nur Landschaften in seiner eigenen Umgebung: Gegenden, die ihm wohl vertraut sind, aber von luftiger Warte aus gesehen ihre Familiarität und Gegenständlichkeit verlieren. Bei aller lokalen Gebundenheit seiner Bildwelten geben die von Uhde festgehaltenen Szenen kaum Aufschluss über ihre örtliche Verankerung. Wenn überhaupt, lässt sich anhand weniger Indizien bisweilen vielleicht gerade noch erahnen, dass sie irgendwo in Norddeutschland entstanden sind. Aber im Grunde ist diese Zuordnung nicht relevant. Denn es geht in den Arbeiten des Künstlers um genau diesen Übersetzungsschritt, der den konkreten Gegenstand – einen ausgewählten landschaftlichen oder städtischen Ausschnitt – in die Abstraktion transponiert und von einem visuellen Aggregatzustand in einen anderen verwandelt. Seine Sujets sind keineswegs spektakulär. Es geht dem Künstler aber auch nicht um eine Inszenierung des Aussergewöhnlichen. Sondern vielmehr um ein Erkennen der Schönheit, die sich im scheinbar Banalen, Beiläufigen, Randständigen verbirgt, und sich erst durch die Distanz und Perspektivverschiebung zeigt.

 

In seinem Work-in-Progress Air Real Art hat sich der Künstler bislang den Themen Landscapes und Urban Surfaces gewidmet. Seine jüngste Serie von Arbeiten kreist um die hellste und vielleicht auch symbolträchtigste aller Farben: Weiss. Die vorliegende Veröffentlichung mit dem Titel White Album vereint White Landscapes und White Urban Surfaces, die Uhde in den vergangenen fünf Jahren fotografisch eingefangen hat. Die Bildgruppen sind allesamt im Winter entstanden, zu Zeiten, in denen eine Schneedecke die Oberfläche ruraler und urbaner Landschaften weiss verhüllt und teils optisch fast zur Auflösung bringt. Wie „die Weisse des leeren Blatts“, die der Schweizer Slawist und Publizist Felix Philipp Ingold in seiner Abhandlung „Zur Metaphorik der Unfarben im Gedicht“ als Gegenstück zur „Schwärze der Schrift“ benennt, kann die Schneefläche zur Bühne visueller Zeichen und Ereignisse werden. Die Schneelandschaft gleicht einem Blatt Papier oder eben einer Leinwand, die von der Wirklichkeit selbst bemalt wird. Die von Uhde vorgefundenen Situationen heben sich wie Schriftzeichen darauf ab. Die aus der Fernsicht erfasste Welt in Weiss bietet dem Künstler kraft der sich darin bemerkbar machenden „Spuren, Strukturen, Raster“ ein weites Spektrum potenzieller ästhetischer Anordnungen. Die Bilder stehen bereit: Die Komposition erfolgt durch Herauslösung spezifischer Ausschnitte aus der Meta-Landschaft der vorhandenen Wirklichkeit.

Als „ein grosses Schweigen“, das „voll Möglichkeiten“ steckt, hat Wassily Kandinsky die Farbe Weiss in seiner Abhandlung Über das Geistige in der Kunst beschrieben. Für den Erfinder der Ikone der Moderne in Gestalt des Schwarzen Quadrats auf weissem Grund (1915), Kasimir Malewitsch, eröffnete sich im Weiss der Blick in die Unendlichkeit. Weiss changiert zwischen der vollkommenen Abwesenheit von Farben und deren Bündelung: Es repräsentiert äusserste Reduktion und Fülle in einem, Alles und Nichts, Leere und Verheissung. Die ephemere Substanz des Schnees, jene temporäre Materialisierung der Farbe Weiss, verdeckt und gibt frei – ein Wechselspiel zwischen Positiv- und Negativansicht, An- und Abwesenheit, dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren, dem Verschwinden und dem

Calligraphy, 2010 © Bernd Uhde

Illusion, 2010 © Bernd Uhde

Hervortreten, aus dem heraus Uhde seine subtil spannungsreichen weissen Bilder generiert. Ebenso wie Schatten als „Spuren der Begegnung mit dem Licht (...) Auskunft über die Beschaffenheit der Schatten werfenden Objekte geben“, verleiht der Schnee den Dingen, die er umhüllt, Gestalt, Form, Kontur. Bernd Uhde begibt sich in die Lüfte, um eine andere Wahrnehmung von der Welt und der eigenen Wirklichkeit zu erlangen, und „im Chaos Ordnung zu finden“. Denn „aus dem Chaos entspringt das Motiv“. Es ist auch eine Expedition zum eigenen Menschsein und Hiersein auf dem Wege der Bilder und der Fährten, die wir als kollektive Wesen auf dieser Erde hinterlassen. Die aus der Realität heraus gelösten Kompositionen des Künstlers sind nicht dokumentarisch, wenn auch wirklichkeitsbedingt. Sie zeigen uns die Muster unseres Daseins und die Landschaften, in denen wir uns bewegen und die wir gestalten, in abstrahierter Verfremdung. Allerdings wohnt dieser Fremdheit auch etwas zutiefst Vertrautes inne, das wir vielleicht erst durch den Abstand begreifen können. Der Schnee wirkt insofern ambivalent, weil er den Blick zugleich verstellt und für das schärft, was sonst nicht ins Bewusstsein treten würde. In dieser Hinsicht sind Uhdes White Landscapes und White Urban Surfaces auf vielen Ebenen erkenntniserweiternd. „Das Weiss“, schreibt Kandinsky, „klingt wie Schweigen, welches plötzlich verstanden werden kann.“

Belinda Grace Gardner

Bernd Uhde

1950

geboren nahe Düsseldorf

 

1969

Studium an der Werkkunstschule Düsseldorf

 

1971 - 76 Studium, freie Malerei, Hochschule für Bildende Künste, Berlin(HfBK)

 

1978 - 83 Studium Film- und Fernsehakademie, Berlin (DFFB)

 

1982 Einjähriges Reise-Projekt durch Neuseeland mit dem Pferd

 

2000 Start des Projekts "AirRealArt"

 

Bernd Uhdes Lebensweg zeigt in seinem Leben und seiner Kunst eine ungewöhnliche Offenheit und Neugier eines Kosmopoliten. Dabei scheut er nicht vor konsequenten und oftmals überraschenden Entscheidungen. Nach dem Studium der Kunst (Werkkunstschule Düsseldorf) und freie Malerei an der Hochschule für Bildende Künste Berlin) und dem Studium an der Film und Fernsehakademie Berlin, entscheidet sich Bernd Uhde 1983 mit seiner heutigen Frau Tina Neuseeland mit dem Pferde zu erkunden. Für ein Jahr „steigen“ Sie aus, lernen die Landschaft auf der anderen Seite des Globus kennen

und lieben. Zurück in Deutschland, kehren Sie Berlin den Rücken und ziehen in die Lüneburger Heide. Sie erwerben einen alten Bauernhof, bauen diesen wieder auf und schaffen für sich und ihre Freunde einen kulturellen Treffpunkt inmitten der reizvollen Landschaft der Lüneburger Heide. Nach der Realisierung diverser Filmprojekte startete Bernd Uhde 2000 mit der Fotoreihe „AirRealArt“, mehrfach ausgestellt und ausgezeichnet.