Janet Mueller & Mark Inderbitzin

Untitled

19. Oktober bis 1.Dezember 2018

Vernissage: Donnerstag, 18. Oktober 2018, 18.30 Uhr

Janet Mueller (D/CH)

 

Janet Mueller wurde 1975 in der ehemaligen DDR geboren. Vielleicht hat diese Kindheit in einer - im wahrsten Sinne - begrenzten Welt damit zu tun, dass ihre Kunst sich jeder Etikettierung, jeder Einordnung und auch jeder Kontrolle verweigert: sie ist instinktiv, in ihrem Wesen ursprünglich und frei. Sie entspringt dem Teil des Menschen, der sich von keinem System beherrschen lässt; sogar die Künstlerin selbst ist ihrem Drang zur Kunst in gewisser Weise ausgeliefert. «Ich kann nicht nicht gestalten» sagt sie, und so vergisst sie in Phasen intensiven Schaffens die Zeit und alles um sie herum und arbeitet bis zur körperlichen Erschöpfung. Sie taucht ein in welche Welt auch immer sich gerade vor ihr auftut, manchmal triggert ein gefundenes, weggeworfenes Objekt den Prozess, manchmal ist es eine Struktur oder Haptik, die ergründet werden will oder es ist eine Technik, von der Müller nicht mehr lassen kann, bis sie alle Spielarten ausprobiert hat. Was sich wie ein roter Faden durch ihre Werke zieht, ist eine fast schon kindliche Neugier und Offenheit, eine fragende Herangehensweise gepaart mit einem Instinkt für Proportionen und minimalistische Ästhetik - eine Kombination, die jedem Werk eine intuitive, sinnliche Zugänglichkeit verleiht.

 

In den Werken, die Mueller in dieser Doppelausstellung zeigt, beschränkt sich die Zürcher Künstlerin auf Papier, Graphitstift, Tusche, Farbpigmente und Wachs.

Dabei ist das Entfremden eines Ausgangsproduktes ebenso wichtig wie der Schaffensprozess, das Arbeiten mit den Händen oder oft auch vollem Körpereinsatz - um letztlich eine komplexe Fragilität zu erreichen. Für die Objekte «landscape» wurde Papier zerknüllt und mit mehreren Schichten Farbpigmenten und Wachs bestrichen - es entstehen Landschaften, die mit Licht und Schatten spielen, den Betrachter in zerbrechliche, kostbare Momente im Schnee zurückschicken, man denkt ans Altern, an Vergänglichkeit und den Versuch, die Zeit zu konservieren.

Auch «Körperlandschaften» spielt mit dieser Leichtigkeit, die plötzlich ganz schwer werden kann: Zarte Linien, die sich erst beim zweiten Hinsehen als Silhouetten oder Teile von Frauen herausstellen, schamhaft und stark, selbstvergessen und provokant zugleich. Einige Stellen hat Mueller mit Tusche übermalt zeigt so gerade auf, was sich verbirgt: Wir betrachten beim Betrachten dieser Zeichnungen auch den Blick unserer Gesellschaft auf die Frau und nähern uns einer subjektiveren Weiblichkeit an.

Text: Michèle Roten

 

 

Mark Inderbitzin (CH)

 

Ablenkung ist ständig. Konzentration eher selten. Das Jetzt und Hier voll mit Dingen, die möglichst gleichzeitig wahrgenommen, bearbeitet, erledigt sein wollen. Schwer, sich dieser Schnelllebigkeit zu entziehen. Schwer in dieser Unruhe Beständiges zu finden.

Getrieben von einer gewissen Skepsis gegenüber der weit verbreiteten, gesellschaftlichen Rastlosigkeit, fordert Mark Inderbitzin dieses Phänomen in seiner künstlerischen Arbeit heraus. Mittels konzeptionellen Langzeitstudien, versucht er Erkenntnisse zu gewinnen, um sie in seinem Schaffungsprozess zu verwerten. Seine Herangehensweise gleicht dabei der eines Wissenschaftlers. Jede Serie unterstellt er klaren Regeln, in zahlreichen Skizzenbüchern erfasst er nicht nur Ideen, Entwürfe und Konzepte, sondern dokumentiert ebenso akkurat den Entstehungsprozess der jeweiligen Arbeit.

 

Für die seriell angelegte Studie «Rezensionen. Eine visualisierte Mitschrift» überfordert Mark Inderbitzin bewusst seine Sinne, mit zwei parallel ausgeführten Tätigkeiten, die eigentlich jede für sich volle Konzentration erfordern würden: die Lektüre eines Buches und das Anfertigen einer Zeichnung. Keiner der beiden Tätigkeiten kann die volle Aufmerksamkeit geschenkt werden, man ist abwechslungsweise von der anderen abgelenkt. Die Situation erzeugt ein Gefühl der steten Unruhe und unterstreicht letztendlich gesellschaftliche Phänomene und Symptome: beständige Ablenkung, mangelnde Konzentrationsfähigkeit, unstete Aufmerksamkeit, innere Unruhe, Anspannung, Hektik, Stress, Überforderung. Am Ende jedes gelesenen Buches steht so ein Stapel an Skizzen, eine visualisierte Mitschrift dieser multifunktionalen Tätigkeit.

Das entstandene Rohmaterial erfasst der Künstler digitalisiert in seinem Archiv. Es dient ihm als Grundlage für die weitere künstlerische Bearbeitung. In den Arbeiten «multifunctionalitiy 1.0» überträgt er selektierte Skizzen in kraftvolle Kaltnadelradierungen. Einzelne Mitschriften werden damit eingefroren und als direktes Abbild hervorgehoben. Für die Arbeiten «multifunctionalitiy 2.0» kombiniert er die entstandenen «Rezensionen» zu ausgewogen arrangierten Druckgrafiken. Dafür legt er verschiedene Skizzen digital übereinander und setzt das entstandene Gesamtbild in einem langwierigen Verfahren in grossformatigen Kaltnadelradierungen um. Die Arbeit «multifunctionalitiy 3.0» funktioniert als Installation. Jede Mitschrift wird auf einem Monitor als bewegtes Bild des jeweiligen Buches gezeigt. Sie können vom Betrachter in ihrer Gleichzeitigkeit kaum erfasst werden, der Blick wandert zwischen den einzelnen Monitoren hin und her. Wo in den Radierungen schon fast wieder Ruhe in den Arbeiten einkehrt, bleibt die Installation bewusst hektisch und unruhig.

 

Den Arbeiten aus der Studie der «Rezensionen» gegenüber steht die Serie «Prozesshaftigkeit an monochromen Bildern». In einem fast schon meditativen Arbeitsprozess untersucht Mark Inderbitzin in zahlreichen Bildern das Zusammenspiel von dunklen, abstrakten Flächen auf hellem Hintergrund. Die mehrfach aufgetragenen Farbschichten oszillieren zwischen Schwarz und einem tiefen Dunkelblau. Das Ritual ist einfach und reduziert: In einer sich stetig wiederholenden Methode wird die Farbe in unzähligen, vertikal geführten Pinselstrichen auf grosse Leinwände aufgetragen und dokumentiert. Nach einem langen minutiösen Prozess beendet eine mehrfach aufgetragene Lackschicht das Verfahren. Die Bilder wirken physisch kraftvoll und entfalten eine starke räumliche Präsenz. Die dunkle Fläche erscheint, je nach Blickwinkel und Lichteinfall mal bewegt und nass glänzend, mit sichtbaren Pinselstrichen, mal als unendlicher Raum oder als umwölkte Oberfläche, welche das Licht in sich aufzusaugen scheint. Im Gegensatz zu den Arbeiten die sich mit dem gesellschaftlichen Phänomen der Rastlosigkeit und Unruhe beschäftigten, sucht diese serielle Arbeit einen persönlichen Ausgleich zum Alltag, durch Konzentration und Beruhigung. Die Arbeit wird zum kontemplativen Ritual. Die Bilder laden ein, ebenso vertieft vor ihnen zu verweilen und ihre Wirkung auf das Selbst zu beobachten.

 

 

 

 

 

 

Landscape, 2017/18 © Janet Mueller

Multifunctionalitiy 2.0, seit 2014 © Mark Inderbitzin