ANNA LEHMANN-BRAUNS (D)

WILDSIDEWEST

13. Januar bis 25. Februar 2017

Anna Lehmann-Brauns

Geboren ist Anna Lehmann-Brauns 1968 in Berlin. Sie ist Absolventin der Meisterklasse von Joachim Brohm, Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Lehmann-Brauns lebt und arbeitet in Berlin.

 

WILDSIDEWEST

«Die Stadt in der ich nun 5 Monate leben werde, fasziniert mich von Beginn an. Auf dem Weg vom Flughafen überqueren wir die Bay Bridge, kreuzen Downtown San Francisco mit den vielen Hochhäusern, Strassenschluchten, Brücken und graffitibemalten Fabrikgebäuden, und ich bewundere den Kontrast zu den bunten viktorianischen Holzhäusern, die kurz danach die Strassen säumen. Ich lebe in Berlin und bin gespannt, was mich erwartet, gibt es hinsichtlich der kulturellen Vielfalt der beiden Städte Ähnlichkeiten?

Unsere erste Bleibe liegt mitten im Castro, dem weltweit legendärsten Viertel der LGBT-Bewegung, ausgeschrieben Gay, Lesbian, Bisexuell und Transgender. Unsere Airbnb-Unterkunft befindet sich in einem lila gestrichenen Holzhaus in einer idyllischen Strasse mit Blick über verträumte Gärten auf die Stadt, die Vermieterinnen sind ein lesbisches Pärchen: Betty und Karen. Überall wehen Regenbogenfahnen. Die Läden im Viertel tragen Namen, wie Does your mother know und die Auslagen in den Schaufenstern lassen mich erröten. Schon von aussen besehen verweist alles im Castro auf die Geschichte des Viertels und auf die Bewohner. Nach dem berühmten Harvey Milk ist ein Café benannt, HIV Schwerpunktpraxen, eine Beratungsstelle, Gay Clubs und die GLBT Historical Society säumen die Strassen. Eine Häuserecke ist wie ein schwarzes Brett in der Schule für neueste Infos vorgesehen. Hier werden Todesfälle beklagt und Bilder der Verstorbenen aufgehängt. Nach dem Amoklauf in Orlando einige Monate später wird die ganze Ecke mit Blumen und Trauerbekundungen übersät sein, auf einem bemalten Bettlaken wird stehen: Kissing is love, Orlando weeps, die Community trauert.

Ich entdecke einen eigenen Walk of Honour für die Unterstützer der Bewegung, den sogenannten Rainbow-Honor-Weg. Hier finden sich neben Keith Hearing auch Persönlichkeiten, wie beispielsweise Virginia Wolff, die mit ihrem Werk und ihrem persönlichen Lebensweg Anfang des 20sten Jahrhunderts als Wegbereiterin für sexuelle Befreiung und für Respekt gegenüber alternativen Lebensmodellen steht.

Von Anfang an interessiert mich diese besondere Geschichte der Stadt. Als Kind waschechter 68er möchte ich mehr erfahren über San Francisco als Keimzelle einer Idee von Toleranz, hier wo 1967 der letzte Hippie symbolisch zu Grabe getragen wurde und wo auch schon während des zweiten Weltkriegs und vorher viele Homosexuelle lebten. Ich lese über Harvey Milk, den USamerikanischen Politiker und Bürgerrechtler, ein Vorkämpfer der Schwulen- und Lesbenbewegung. Er war der erste offen schwule Politiker der USA und wurde 1978 in San Francisco ermordet. Sein Mörder wurde nur milde bestraft und die Tat als Totschlag verharmlost. Dieses skandalöse Gerichtsurteil führte zu Unruhen und blutigen Konflikten zwischen Schwulen und der Polizei.

Die heutige Toleranz gegenüber der gewählten Lebensform, die man in San Francisco als geistiges Allgemeingut erlebt, ist also nicht vom Himmel gefallen, sondern Ergebnis eines jahrzehntelangen Kampfes. Auch heute ist das, was in San Francisco wie common sense wirkt, in vielen Teilen der USA alles andere als akzeptiert. Bis in das 21. Jahrhundert hinein waren in vielen amerikanischen Bundesstaaten homosexuelle Handlungen und sexuelle Praktiken, die unter Homosexuellen besonders verbreitet sind, - sprich Analsex und Oralsex - unter Freiheits- und Geldstrafen gestellt. Die Don´t ask, don`t tell Regelung wurde erst 2011 nach vielen Debatten endgültig ausser Kraft gesetzt.

Ich entschliesse mich, nicht die golden leuchtende und verführerische Oberfläche der Stadt festzuhalten, sondern mich zu trauen, in den unterschiedlichen Gay Clubs San Franciscos zu fotografieren. Ich schreibe die Clubs per mail an oder ich gehe mit dem Katalog meiner Arbeiten vorbei und stelle mich, meine Arbeitsweise und mein Projekt vor. Ich möchte die Clubs meiner künstlerischen Bildsprache entsprechend menschenleer festhalten. In meiner Arbeit interessiert mich der Raum als Ort der subjektiven und kollektiven Erinnerung. Ich arbeite mit langen Belichtungszeiten und einer Mittelformatkamera sowie Stativ, sodass die Räume mit ihrer oft schummerigen Beleuchtung detailgenau festgehalten werden können. Meist begegnen mir die Menschen offen und freuen sich über mein Interesse. Ich möchte eine Bandbreite an Clubs zeigen, auch die härteren Locations interessieren mich, sowie der selbstverständlichere Umgang mit Sexualität und mit sexueller Identität.

In einem Swinger-Club, in welchem ich fotografiere, lerne ich, dass körperliche Treue nur notwendig ist, wenn man dem Partner nicht vertraut, sonst könnte man ihm sexuelle Erfahrungen mit anderen Partnern zugestehen, ohne Verlustängste zu haben.

Im Cinch Saloon, einem alteingesessenen Schwulen-Club in der Polk Street treffe ich den Bartender morgens um 10 Uhr. Ich habe eine halbe Stunde Zeit und darf den menschenleeren Club fotografieren. Der Bartender hat einen sehr jungen Mann dabei, der mir erzählt, er sei gerade auf USA Rundreise, und sie hätten sich am Abend vorher kennen gelernt, deswegen wenig geschlafen und hätten gerade eben noch a little sex gehabt. Ich versuche angemessen zu schauen, weiss aber nicht wie. Gemeinsamen sexuellen Erlebnissen wird bewusst der Stellenwert eines gemeinsamen guten Essens eingeräumt, völlig losgelöst von dem Gedanken an weitere Bindung. Viele der Clubs liegen im Soma, im südlichen Teil der Market Street, wo es etwas rougher wird, mehr Obdachlose, weniger hübsche Lädchen und insgesamt ärmere Leute. Diese Strassen, die vor einigen Jahren noch als gefährliches Pflaster galten, heissen Folsom

Street, Harrison Street und Mission Street. In der Folsom Street gab es zu Hochzeiten bis zu dreissig Gay Bars. Ich traue mich an einem sonnigen Nachmittag in das Hole in the wall, einem Traditions-Club für schwule Biker. Meine Augen müssen sich an das Dunkel erst gewöhnen.

In der Mitte des Raums steht eine Harley, um mich herum bärige Typen mit langen Bärten und in Lederkluft, teils schon im Rentenalter. Alles leuchtet in Neon-Farben. Man begegnet mir mit Interesse und Respekt. Der Club ist – wie eigentlich alle - auf seine Weise sehr liebevoll und detailversessen gestaltet, ich darf einen Termin vereinbaren und fotografieren. Ich bin froh und dankbar und mir gelingt das fast poetischste Bild der Serie. Das Wild Side West, eine Lesbenbar im verträumten Bezirk Bernal Heights gelegen, der fast ländlich wirkt gibt es seit 1962. Die ursprünglichen Besitzerinnen und Gründerinnen sind schon verstorben. Auch hier hängt an den Wänden die Geschichte des Clubs, Erinnerungsstücke, Kunstwerke, Fotografien etc..

Ich erfahre, dass in den sechziger Jahren tätliche Angriffe und eingeschlagene Fensterscheiben auf das Wild Side West an der Tagesordnung waren.

Im Divas in der Post Street stelle ich mein Projekt vor und erwähne mein Interesse an Gay Clubs, ich werde aber streng belehrt, dies sei kein Club für Homosexuelle, sondern ein Transgender Club. Last but not least besuche ich zwei Badehäuser für schwule Männer, Prostitution ist hier strengstens verboten aber man trifft sich, um sexuelle Kontakte zu haben. Alles ist sehr professionell, überall gibt es Gleitcreme- Spender und Kondome. Auf die Gefahr sexuell übertragbarer Krankheiten wird in grossen Lettern hingewiesen und kostenlose HIV Tests angeboten. Das Interieur erinnert mich an die Spieleburg für Kinder bei Ikea, Nischen, Hochebenen und Durchguck-Löcher in deutlichen bunten Farben. Die Community ist in San Francisco nicht nur von homophoben Attacken bedroht sondern von einer anderen Spezies, den Techies, die im Sillicon Valley arbeiten und mit ihren unendlichen Mengen an Geld die Stadt aufkaufen, welche mittlerweile teurer ist als Manhatten. Ein Club nach dem anderen schliesst für immer seine Pforten, weil die Mieten unbezahlbar werden. Letztens gab das legendäre Tea-Room-Theatre auf, ein alteingesessenes Pornokino für Schwule, die Miete wurde alle sechs Monate erhöht und war nicht mehr zu bezahlen. Im The Stud in der Harrison Street bezeichnen sich die Lederschwulen auf einem Aushang als aussterbende Spezies gleich Ureinwohnern, die langsam aber sicher vertrieben werden, die man bald nur noch im Völkerkunde-Museum bewundern

kann. Aber wie in dem Interview mit Geoff Benjamin, einem der Besitzer des neu eröffneten Oasis-Clubs klar wird, kann man die Entwicklung der Stadt auch positiv bewerten, auch als Chance für beispielsweise manche Viertel der Stadt wahrnehmen, die von dem Geld, welches nach San Francisco gespült wird, profitieren, und man kann dabei trotzdem versuchen die eigenen Werte und Vorstellungen prägend in den Prozess mit einzubringen.

Zurück zu dem Begriff LGBT, der - wie ich nun weiss - wirklich ganz unterschiedlichste Lebensentwürfe und Bedürfnisse zusammenfasst. Fast scheint mir das unvereinbar. Schaut man bei Wikipedia, ist die Gemeinsamkeit als nicht der Heteronormativität zu entsprechen formuliert. Man könnte die Grundwerte der community also auch mit Respekt und Toleranz gegenüber diversen Lebensentwürfen die sexuelle Orientierung und die Identität betreffend zusammen fassen.

In diesem Sinne sind die verschiedenen Clubs nicht nur Nachtclubs sondern auch Treffpunkt und Sammelbecken, für diejenigen, die sich anders fühlen und Gleichgesinnte brauchen, Gemeinden für eine Minderheit, die sich sucht und dort findet.

Nach dem Anschlag von Orlando konnte man das auch auf den Trauerbekundungen lesen:

 

Stop hate, the clubs are our churches!

Stoppt den Hass, Die Clubs sind unsere Kirchen!»

 

Statement

«Meine Räume sind immer menschenleer und verweisen doch auf ihre Nutzer. Ich arbeite mit einer Mittelformatkamera und Stativ und mit dem vorhandenen Licht. Ich belichte den analogen Film teilweise bis hin zu Minuten um auch spärlich beleuchtete Situationen bei kleiner Blende bis ins Detail festhalten zu können. In meinen fotografischen Bildern beschäftige ich mich mit dem urbanen Raum als Ort der subjektiven und kollektiven Erinnerung. Ich arbeite nicht im klassischen Sinne an fotografischen Dokumentationen, mehr interessiere ich mich für bestimmte „Stimmungsbilder“ und für besondere Licht- und Farbsituationen.»

 

 

 

 

 

 

 

El Rio SF © 2016 Anna Lehmann-Brauns

Oasis, SF © 2016 Anna Lehmann-Brauns

Paradise Lost / Polen © 2013 Anna Lehmann-Brauns

Ausstellungen und Auszeichnungen (Auswahl)

2016 Konstanz, Galerie Grashey, Einzelausstellung

2016 Fotopreis Haus am Kleistpark

2016 Remagen, Arp Museum Bahnhof Rolandseck, 100 Jahre Dada

2016 Mannheim, Strümpfe – the supper artclub, Einzelausstellung

2015 Berlin, Galerie Springer, Einzelausstellung

2015 Bad Ems, Schloss Balmoral, Residency fellowship

2015 Frankfurt/Main, Deutsches Architekturmuseum, Architekturbild

2015 Berlin, Haus am Lützowplatz, Gegen den Tag

2015 Frankfurt am Main, Galerie Greulich, Paradies/Schwarz

2014 Berlin, Kommunale Galerie, 40 Jahre, Werke aus den Beständen

2014 Berlin, LSD Galerie, Paradise Black, mit Sabine Dehnel

2014 Zürich, 100plus, Drive the Change

2014 Berlin, Galerie Springer, First Choice, Photography

2013 Berlin, LSD Galerie, Jubilee, kuratiert durch Alice D.

2013 Remagen-Oberwinter, Werkhallen, Obermann, Burkhard

2013 Berlin, LSD Galerie, Miss You, Einzelausstellung

2013 Berlin, LSD Galerie, Pounds, Shillings and Pence

2013 Berlin, Office K 61, Einzelausstellung

2012 Bregenz, Kunstvilla, Einzelausstellung

2011 Alkersum, Museum der Kunst der Westküste, Innenwelten –

     Erinnerung, Nostalgie, Exotik

2011 Berlin, Feature: Morgen Contemporary

2011 Berlin, Halle am Wasser, mit Michael Schäfer, Fotografie

2011 Frankfurt am Main, Galerie Greulich, Einzelausstellung

2011 Potsdam, ae galerie, Kulissenträume, Lichtspiele, Einzelausst.

2010 Arlberg (A), Art-Prize Hospiz, Kunstpreis Hospiz

2010 Wien (A), Gastprofessur an der Hochschule für angewandte

     Kunst, Fotografie/ Freie Kunst

2010 München, Galerie Lichtpunkt, Fiction Rooms

2009 Frankfurt am Main, Galerie Greulich, Wege zum Glück, Einzel.

2009 New York, New York Photo Festival Brooklyn, kuratiert von

     William A. Ewing

2008 Berlin, Galerie Kunstagenten, Sun in an empty room

2008 Potsdam, Kunsthaus Potsdam, Still love you, Einzelausstellung

2007 Darmstadt, Tage der Fotografie, Konstruktionen der Wahrheit

2007 Berlin, Galerie Springer & Winckler, Künstlerateliers

2006 Berlin, Galerie Kunstagenten, Monat der Fotografie, Gelebte

     Räume, mit Tilmann Peschel

2006 Bonn, Frauenmuseum, Sexhandel, Mythen, Alltag, Gewalt

2006 Berlin, Galerie Kunstagenten, Einzelausstellung

2004 Berlin, Galerie momentum, Fotografien, mit Daniela Wagner

2003 Linz (A), Landesmuseum, Modellierte Wirklichkeit, mit Lois

     Renner, Gregor Schneider

2003 Berlin, Kunst- und Medienzentrum Adlerhof, Ausstellung zum

     Kubo-Kunstpreis

2002 Ulm, Stadthaus, Hausordnung

2002 Reisestipendium, Stipendiantin des DAAD

2000 Wiesbaden, Galerie Kunstadapter, Modellwelt, Einzelausstellung

1999 Gera, Museum für angewandte Kunst

1999 Berlin, Kunst- und Medienzentrum Adlershof, Kleine Welten

1999 Wiesbaden, Ministerium für Wissenschaft und Kunst,

     Preisträgerin des Brita-Kunstpreises bis 2001, Stipendiatin

     der Heinrich-Böll-Stiftung

1998 Brita-Kunstpreis, 1. Rang

1998 Kodak Nachwuchsförderpreis

1997 Ennetbaden, Photogalerie 94, Einzelausstellung

 

Bibliographie (Auswahl)

Dr. Arno Neumann, «Kulissenträume – Lichtspiele»

Märkische Allgemeine Zeitung, 5. Februar 2011, S.20

 

Almut Andrae, «Sehnsuchtsräume»,

Potsdamer Neueste Nachrichten, 2. Februar 2011

 

Christiane Meixner, «Die Gemeinheiten der Puppenstube»

in: Der Tagesspiegel, Sonderbeilage zur Ausstellung Thomas Demand in der Nationalgalerie,18. September 2009, S. B4

 

Dr. Arno Neumann, «Am Rand das kalte Licht des Alltags»

in: Märkische Allgemeine Zeitung, 4/5. Oktober 2008, S. 20

 

Insa Wilke, «Leere Bühnen der Erinnerung»,

in: Die Zeit, 3. Januar 2008, S. 28

 

«Anna Lehmann-Brauns»

in: Camera Austria, Forum, 96, 2006, S. 52-53

 

Christiane Meixner, «Räume der Erinnerung»,

in: Berliner Morgenpost, 21. März 2006, S.21

 

Christiane Meixner, «Momente der Erinnerung»,

In: Berliner Morgenpost, 24. April 2004, S.13

 

Nicolai Tschernow, «Anna Lehmann-Brauns»

in Modellierte Wirklichkeiten, Ausst.-Kat. Landesmuseum Linz, Weitra 2003, S. 22

 

Dorothee Baer-Bogenschütz, «Käthes Milchflasche»

in Frankfurter Rundschau, 22.Juli 2000, S. 31

 

Katharina Deschka, «Mammas rotes Badezimmer»

in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15. Juli 2000, S. 72

 

«Anna Lehmann-Brauns: bitterblue»

in: Photonews, Juli/August 1999, S.10-11

 

Bücher

«Anna Lehmann-Brauns»

Matthias Harder (Hrsg.)

Texte von Sabine Ziegenrücker und Matthias Harder

Deutsch/Englisch

96 Seiten mit 45 Abb., Hardcover

Distanz Verlag, Berlin 2015

ISBN 978-3-95476-112-8

 

«Sun in an Empty Room»

Vorwort von Elke von der Lieth

Texte von Miriam Dreysse, Maren Lübbke-Tidow

Deutsch/Englisch

96 Seiten, 47 farbige Abb.

30,20 x 24,50 cm

gebunden Hatje-Cantz

Ostfildern, 2007

ISBN 978-3-7757-2083-0

 

«Deaf/Taub»

Verlag der Buchhandlung Walther König Köln, 2011